Der Himmel weint.
Vater ist tot.
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Vorgestern Nacht ist Vater aus dem Krankenbett gestürzt. Mit dem Gesicht voran. Er hatte unglaubliches Glück. Bis auf Prellungen an Stirn und Kinn und einer klaffenden Wunde auf der Nase ist ihm nichts passiert.
In dieser Nacht war ich dort, hatte mich längst hingelegt, schreckte auf durch ein lautes Geräusch, dann Stöhnen, stürzte die Treppe hinunter zum Schlafzimmer und war bei ihm. Vorsichtig half ich ihm auf, dann zurück ins Bett. Keine leichte Übung, da er mittlerweile sehr geschwächt ist. Aber wir schafften es.
Dann wurde Mutter wach, die direkt daneben geschlafen, aber vor lauter Erschöpfung von all dem nichts mitbekommen hatte. Sie versorgte sofort die Wunde auf seiner Nase und untersuchte ihn: keine Gehirnerschütterung, nichts gebrochen.
Und dann war es an mir, Mutter zu beruhigen, die sich Vorwürfe machte, nicht rechtzeitig wach geworden zu sein. Es ist unglaublich, was sie sich abverlangt, seit Wochen, jeden Tag, rund um die Uhr.
Veröffentlicht in Er & sie, Leben | Schlagworte: Krankenbett, Krebs, Nachtwache
Heute telefonierte ich mit Vater. In den vergangenen Tagen hat sein Sprachvermögen sehr nachgelassen. Er rief mich an, wollte wissen, wie es mir gehe. Einige Stunde später meldete er sich wieder. Heute Abend fahre ich zu ihm.
Am Nachmittag sprach ich mit seinem Hausarzt. Er fragte mich nach Vaters Befinden. Nicht gut, sagte ich. Ungefragt meinte er, dass eine erhöhte Cortison-Dosis wahrscheinlich nichts bringe.
Am vergangenen Donnerstag, dem Tag, nach dem das Cortison wieder angesetzt worden war, hatte er Vater erst untersucht und dann sein Ableben für den vierten Advent prognostiziert.
Mutter nahm das regungslos zur Kenntnis. Auch gegenüber mir oder meinen Brüdern kommentierte sie die Aussage des Arztes nicht. Tags darauf aber rief sie mich an und berichtete von Vaters Fortschritten, im wahrsten Sinn des Wortes, denn es war ihm gelungen, gestützt wieder einige Schritte zu gehen. Und mit Hilfe seiner Söhne gelangte er an diesem Nachmittag und erstmals seit Wochen wieder in die oberste Etage seines Hauses.
Gemeinsam mit den Kindern machten wir am Wochenende den Garten winterfest, kehrten das Laub von den Wiesen und Wegen, entleerten die Wasserleitungen, damit sie den Frost unbeschadet überstehen. Zudem packten wir alles, was nicht niet- und nagelfest war, in das Gerätehaus. In den kommenden Monaten wird der Garten nur selten besucht werden, viel seltener, als dies der Fall war, als Vater hier noch nach dem Rechten sehen konnte.
Im Keller entdeckten wir eine süße Überraschung: Vaters sommerliche Honigernte, größtenteils noch in den großen Vorratsbehältern, knapp 400 Kilogramm von feinster Qualität. Bis zu jenem schicksalhaften Tag im September hatte er erst einige wenige Gläser gefüllt. Das Abfüllen der Ernte hatten er in den Jahren zuvor stets während der Wintermonate erledigt. Jetzt werden wir uns darum kümmern.
Am Abend besuchten wir Vater. Er hatte große Schmerzen: die Lunge. Mutter füllte 20 Tropfen in ein Wasserglas. Er versuchte sich aufzusetzen, schaffte es aber nicht allein.
Ich reichte ihm meine Hand, er griff meinen Arm.
Für ein paar Minuten dämpfte das Mittel die Schmerzen. Dann waren sie wieder präsent. Er bat, in sein Bett gebracht zu werden und schlief sofort ein.
Veröffentlicht in Leben | Schlagworte: Familie, Lungenkrebs, Metastasen im Kopf