Verfasst von: lt | November 23, 2007

Freunde

Seine Freunde sind bei ihm. Alte Herren wie er, teilweise noch älter. Und sein bester Freund sitzt links von ihm und streichelt seine taube Hand. Vater kann sich kaum mehr halten in seinem Rollstuhl, aber zurück ins Bett will er nicht, solange seine Freunde da sind.

Das alljährliche Weihnachtsessen hat sein bester Freund abgesagt. Ohne meinen Vater, sagte er, könne er nicht feiern und werde keinen Bissen herunterbringen. „Wir haben es auf Januar verschoben“, sagt er in diesem Augenblick und hält die Hand meines Vaters.

Vater versucht etwas zu sagen, doch keiner kann ihn verstehen. Da bringt ihm sein bester Freund Kuli und Zettel: „Schreib es auf.“ Und er, zusammengesackt in seinem Rollstuhl mit müdem Blick, schreibt. Flink und flüssig: „Die geraden Zahlen sitzen.“

Wenig später bringen wir ihn zurück ins Schlafzimmer. Jeder will helfen. Sanft packen wir ihn ins Bett. Er ist sehr erschöpft und schläft sofort ein.

Ein Anruf genügt, sagen sie meiner Mutter, und sie sind zur Stelle. Sie weiß, dass sie sich auf das Wort der alten Herren verlassen kann.

Verfasst von: lt | November 22, 2007

3 x 8 mg

Es könnte ein Schlaganfall gewesen sein. Wahrscheinlicher aber, dass die Metastasen wieder zurück gekommen sind.

Vaters linke Körperhälfte ist taub. Das Bein kann er noch etwas bewegen, von der Schulter bis in die Fingerspitzen der Hand hat er kein Gefühl mehr. Auch seine Aussprache hat sich sehr verschlechtert. Er kann sich nur für Minuten aufrecht halten, dann sackt sein Kopf nach vorn.

Ich rief sofort den Professor an, der die Strahlentherapie geleitet hatte. Er sagte, dass die Metastasen wieder eingeblutet haben könnten und riet, das eben erst abgesetzte Cortison wieder hoch dosiert zu reichen: 3 x täglich 8 mg.

Wir besprachen weitere Maßnahmen. Er empfahl von einer Tomographie abzusehen, weil sich selbst aus dem Wissen um die genaue Ursache der Lähmungserscheinungen keine Therapie mehr ableiten lassen werde. Die Ursache sei nicht mehr zu behandeln. Man könne nur noch die Folgen lindern.

Verfasst von: lt | November 22, 2007

Gesund

Unser Sohn steht an Vaters Krankenbett. Er ist vier und kann das alles nicht fassen. Dass der Opa, der mit ihm eben noch über die Wiesen gesprungen ist, sich plötzlich kaum mehr bewegen kann. Dass er von seinen Söhnen gehalten werden muss, wenn er vom Bett zum Rollstuhl will.

„Opa, wenn du wieder gesund bist, dann machen wir wieder ein großes Feuer.“

Verfasst von: lt | November 22, 2007

Brot

Vater sitzt am Tisch. Er sitzt im Rollstuhl, ist still und sehr konzentriert. In der rechten Hand hält er ein Messer. Er versucht das Brot auf seinem Teller zu schneiden. Schon das Ansetzen des Messers strengt ihn sehr an, weil er die Position des Brotes nicht erkennen kann. Er sieht es doppelt und räumlich versetzt. Schließlich schafft er es, das Messer anzusetzen. Doch er kann es nicht schneiden, weil er es nicht festhalten kann.

Seine linke Hand ist leblos.

Mutter steht auf und hält das Brot auf seinem Teller fest. Er schneidet das Brot.

Er sagt keinen Ton.

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